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Intellektuelle? Ein eitles Volk ...

Elite: Männer aus der Kulturszene geben bei uns den Ton an. Ihr Durchschnittsalter: 67. Politologe Max Höfer über die Liste der Top-Denker.
Von Maike Schiller

Hamburg - Günther Grass, Harald Schmidt, Martin Walser - Deutschlands Denkerelite ist männlich. Der Politologe Max A. Höfer hat ein Top-200-Ranking erstellt, das den geistigen Einfluß auf die Deutschen abbilden soll. Er wertete aus, wie oft jemand in der Presse zitiert wurde, wie stark seine Präsenz im Internet und hinter den Kulissen ist. Im Interview spricht Höfer über die Beißhemmung der Jungen, den fehlenden Mut der Frauen und das "intellektuelle Leichtgewicht" Ulrich Wickert.

ABENDBLATT: Sie werten aus, wer viel redet - wer etwas zu sagen hat, messen Sie nicht.
MAX A. HÖFER: Tja. Das ist die größte Schwierigkeit. Es gibt ja keine objektiven Kriterien, wer ein Denker ist. Für mich kamen nur Leute in Frage, die eine wichtige Debatte ausgelöst oder einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet haben. Die Top 100 tragen oft nicht nur zu einem Thema etwas bei, sondern zu diversen. Es sind Leute, die ständig gefragt werden und sich einmischen.
ABENDBLATT: Werden sie gefragt, weil sie wichtig sind, oder sind sie wichtig, weil sie gefragt werden?
HÖFER: Sie werden gefragt, weil sie wichtig sind. Natürlich gibt es schreckliche Plappermäuler darunter, aber es gibt auch andere, wie Botho Strauß oder Peter Handke, die sich diesem Zirkus komplett entziehen. Aber wenn der Papst stirbt, geht ein Redakteur seine Liste durch und überlegt, wen er dazu befragt - eben oft die üblichen Verdächtigen. Und die Intellektuellen sind ein eitles Volk, die wollen dann auch was zum Papst-Tod sagen . . .
ABENDBLATT: Zur Gen-Debatte lesen wir die Einschätzung eines Literaten eher als die eines Naturwissenschaftlers. Zu Recht?
HÖFER: Was mir auffällt, ist die riesige Dominanz von Literatur- und Theaterleuten, die den geistigen Haushalt der Deutschen bestimmen. Da kommen mir Ökonomen, Mediziner, Naturwissenschaftler zu kurz. Die Kulturmenschen sollten nicht weniger zu Wort kommen, aber die anderenmehr. Fällt Ihnen auf Anhieb ein Mediziner ein, der für moderne Medizin in Deutschland steht? Früher gab's Hackethal, und heute? Statt dessen wissen wir für jedes Thema einen Literaten. Grass für die Vertriebenen, Solschenizyn für Rußland, Handke für Jugoslawien. Diese Großdenker brechen in die öffentliche Meinungsphalanx und schlagen eine Schneise.
Wenn Enzensberger sagt, wir müssen den Humboldt exhumieren, dann kriegt er eine Titelgeschichte im "Spiegel".
ABENDBLATT: Kultur regiert also. Hat der Philosoph Otfried Höffe recht, wenn er glaubt, es lohne sich nur "für so wesentliche Dinge wie Philosophie, Literatur, Musik und Kunst geboren zu sein"?
HÖFER: Das ist ein Ausdruck ungeheurer Arroganz, nur verständlich vor dem Hintergrund der riesigen Dominanz der Kulturwissenschaften. Kennt jemand Picasso nicht, ist es schrecklich. Reichen die Mathekenntnisse nicht über den Dreisatz hinaus, stört es keinen. Ob das in einer von naturwissenschaftlichen Fortschritten geprägten Welt das richtige Marschgepäck für die Zukunft ist?
ABENDBLATT: Auf dem Denkergipfel tummeln sich in erster Linie alte Männer. Wie deprimierend!
HÖFER: Das ist wirklich deprimierend. Und alles Deutsche! Ich dachte, der Einfluß von außen sei größer, jeder spricht von Amerikanisierung. Aber wir brodeln nur im eigenen Saft. Alte Männer bestimmen das Geschehen.
ABENDBLATT: Ist eine Gesellschaft, deren intellektuelle Elite ein Durchschnittsalter von 67 hat, nicht geistig erstarrt?
HÖFER: Das ist auch meine Diagnose. Entscheidend wäre, daß die Jungen die Alten stürzen. Das findet bei uns nicht statt. Die Jungen haben eine Beißhemmung.
ABENDBLATT: Und dann nur sieben Frauen in den Top 100. War die Frauenbewegung für die Katz?
HÖFER: Man muß oft zitiert werden, um in der Liste nach oben zu wandern. Die älteren Herren hatten dazu bislang schlicht mehr Gelegenheit. Trotzdem: Die Frauen müssen sich was überlegen, die trauen sich nicht so. Das liegt nicht nur an der Chauvi-Mentalität von Grass und Enzensberger.
ABENDBLATT: Bildet Ihre Liste nicht vielleicht eher die Verkrustungen bei Journalisten ab, die immer wieder dieselben fragen?
HÖFER: Absolut. Ich habe über 80 Medien ausgewertet, vom "Spiegel" bis zum Hamburger Abendblatt. Und man sieht den Nachahmungseffekt. Das ist in Frankreich und den USA nicht anders.
ABENDBLATT: Für Politiker, die ja berufsbedingt eine höhere Medienpräsenz haben, haben Sie eine eigene Liste erstellt. Weder der amtierende noch der vorherige Kanzler tauchen darin auf. Sind die keine Meinungsführer?
HÖFER: Bei den Politikern war das Hauptproblem, die Intellektuellen von den Nicht-Intellektuellen zu unterscheiden. Sind Kohl und Schröder Intellektuelle? Kaum. Nicht wie Fischer oder Geißler oder auch Biedenkopf. Ich glaube allerdings auch, daß intellektuelle Politiker die schlechteren sind. Politiker müssen Mehrheiten besorgen und Kompromisse durchsetzen. Natürlich freut man sich, wenn Politiker Bildung haben.
ABENDBLATT: Sie haben Ulrich Wickert in der Denker-Liste, aber Sandra Maischberger nicht. Ist einer schon intellektuell, wenn er mit der Rotweinflasche winkt?
HÖFER: Seien Sie nicht so streng mit mir. Es mag sein, daß Wickert ein intellektuelles Leichtgewicht ist. Aber er hat hohe Auflagen mit seinen Büchern über Moral und Tugend, damit hat er Akzente gesetzt, das haben Sabine Christiansen oder Sandra Maischberger nicht. Und Kerner oder Beckmann sind Resonanzböden eines Mainstreams, der sich selbst verstärkt. Die machen ihren Job gut, aber das ist keine intellektuelle Leistung, die zum Rang eines "Denkers" reicht. Maischberger ist auf der Grenze, die müßte sich einfach mal ein Thema suchen und einen Pflock einschlagen.
ABENDBLATT: Werden Sie die Liste regelmäßig aktualisieren?
HÖFER: Ja. Beim Durchschnittsalter von 67 sind ja trotz einer ständig steigenden Lebenserwartung gewisse biologische Umschichtungen absehbar. Und wenn die Jungen nicht in der Lage sind, die Alten zu stürzen, erledigt es sich vielleicht auf diese Weise.


Hambruger Abendblatt 15. April 2005