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15.07.2015 Wir brauchen mehr Muße

Wir haben keine Zeit mehr und tun uns immer schwerer Ruhe zu finden. Das liegt auch daran, dass wir der Muße keinen Raum mehr geben. Raum ganz wörtlich gemeint. Denn die Orte, in denen der Mensch aus dem Geschäftigen und Alltäglichen heraustreten konnte - wie Gärten, Parks, Museen, Bibliotheken, Bäder, Thermen, Tempel, Klöster - verschwinden immer mehr. Orte der Muße benötigen eine Abgrenzung, eine Schwelle, die zwischen Lärm und Ruhe, zwischen Hektik und Entschleunigung scharf trennt. In der herrschenden Effizienzlogik von Multifunktionsräumen kann diese Trennung nicht gelingen. Einkaufszentren und Supermärkte beschäftigen Architekten, die minutiös planen, wie der Konsument möglichst gewinnbringend durch die Gänge gelotst wird. Flughäfen und Bahnhöfe sind solche Leiträume, die keinen Gedanken darauf verschwenden, dass der Mensch absichtslos verweilen möchte, dass er nicht allein von Zielen und Absichten angetrieben unterwegs ist. Sie sollen den Bürger lenken: Über den Gang, die Zone oder den Flur geht es über Laufbänder und Rolltreppen zu Gateways und Shuttles. Dass sich die Gehgeschwindigkeit in allen westlichen Städten seit Jahrzehnten stetig erhöht, hat nicht nur mit der Geschäftigkeit zu tun, die wir in die Straßen tragen, sondern auch mit dem öffentlichen Raum, der die Ruhe verdrängt. Mit dieser Ortlosigkeit beschäftigt sich ein Essay von mir bei The European.