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04.06.2014 Max Webers Kapitalismuskritik

Als „schlechthin irrational“ hätte Max Weber den Arbeitseifer unserer Top-Manager bezeichnet, den sie heute radikaler vorleben denn je. Ebenso treffend illustriert die Generation Maybe, die ihre Lebensläufe penibel den aktuellen Effizienz-Vorgaben anpasst, den Prozess der Sozialdisziplinierung, den Weber vor 100 Jahren eindrucksvoll beschrieb. Und so soll es weiter gehen: Die digitale Disziplinierung sei unausweichlich und gut, stellte Anfang März kein geringerer als Googles Verwaltungsratschef Eric Schmidt auf der Internetkonferenz South by Southwest in Austin fest.

Der große Theoretiker dieser Modernisierung ist Max Weber, der wohl bedeutendste deutschsprachige Soziologe. Er beschreibt den Kapitalismus als Gipfel einer umfassenden weltgeschichtlichen Entwicklung: des westlich‑abendländischen Rationalismus. Doch was ist von Webers Kapitalismus-Kritik geblieben? Wer sich den Marktmechanismen entgegenstellt, heißt es in seiner berühmten Schrift „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“, „wird ökonomisch unfehlbar eliminiert“.

Weber stellte sich die Frage, wie das Verlangen nach einem sinnvollen, gelungenen Leben überhaupt im stahlharten Gehäuse der Zweckrationalität verwirklicht werden kann. Denn weder der Markt noch die Technik oder die Wissenschaft können uns sagen, wie wir leben sollen. Bei Sinnfragen lassen sie uns im Stich. Von dieser Brisanz ist in der Weber Rezeption heute fast nichts zu spüren. Weber wird verharmlost, zuallererst von der Wirtschaft, die ihn gern als bürgerlichen Paradeintellektuellen zitiert. In den Festansprachen unserer Wirtschaftsführer taucht Weber als Stichwortgeber für Fleiß, Verantwortungsbewusstsein und Disziplin auf, gerade so, als habe er seine „Protestantische Ethik“ geschrieben, um die Menschen zu harter Arbeit und zur Einhaltung der Betriebsdisziplin anzuhalten.

Über Webers Fragestellung und die fruchtbaren Fortschreibungen seiner Theorie (vor allem durch Boltanski und Campbell) habe ich im April Heft von Cicero einen Essay geschrieben.