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24.12.2013 "...südeuropäisiert Deutschland"

„So leben zu müssen wie die Deutschen“ – dagegen wehrte sich Giorgio Agamben im Sommer. Genau umgekehrt, vor südeuropäischen Verhältnissen, fürchtet sich nun die Wirtschaftswoche: „Die neue Regierung südeuropäisiert Deutschland“: Rente mit 63 wie in Griechenland, Mindestlöhne wie in Frankreich, hohe Strompreise wie in Italien. Fünf deutsche Volkswirte dienen dem Angstszenario als Kronzeugen. Vom Süden kommt offenbar alles Schlechte. Merkwürdig nur, dass das Nettoeinkommen der Italiener höher ist als das der Deutschen, oder dass das durchschnittliche Haushaltsvermögen der Spanier (mit 285.000 Euro) bedeutend größer ist als das deutsche (mit nur 195.000 Euro), wie die Bundesbank kürzlich vorrechnete. Aber was nicht ins Klischee passt, wird halt gern weggelassen. Wie einseitig der Effizienz- und Veränderungsdruck aus dem Norden kommt, illustriert vielleicht am besten die Erinnerung von Mario Monti: Als Italien im Mai 2013 die so genannte EU “excessive deficit procedure” verlassen durfte, war das „wie der Moment beim Verlassen eines Gefängnisses“, schreibt er. Gleichwohl sah sich der frühere italienische Ministerpräsident in der Rolle eines „translator of the virtues of discipline into Mediterranean languages“.

Als Teil dieser Debatte kann man auch das päpstliche Dokument „Evangelii Gaudium“ lesen. Darin schlägt Franziskus einen deutlich schärferen Ton gegen den Marktradikalismus an als noch Johannes Paul II. „Die Interessen des vergötterten Marktes werden zur absoluten Regel“, heißt es darin. Alles, was sich ökonomisch nicht rechnet, gilt als „wertlos“. Daraufhin setzte das Handelsblatt Franziskus und Karl Marx, im Geiste vereint, an einen Tisch und stempelte den Papst zu einem Marxisten. In meinem Blog-Beitrag auf Cicero zeige ich, dass Franziskus sich von Max Weber inspirieren ließ. Das „stahlharte Gehäuse“ der Hörigkeit, das jeden, egal ob Arbeiter oder Unternehmer, „ökonomisch ebenso unfehlbar eliminiert“, der sich der Effizienzlogik entgegenstellt, wird von Weber in „Die protestantische Ethik und der ‚Geist’ des Kapitalismus“ treffend beschrieben. Von Reagan bis zum aktuellen kalifornischen Internetkapitalismus kommen die Anstöße zur marktradikalen Veränderung weiterhin aus dem „puritanischen“ Kulturkreis. Die katholische Soziallehre ist – wie das Erfolgsmodell des rheinischen Kapitalismus – auf dem Rückzug. Gut dass der Papst dagegen etwas tun will. Seine Intervention ist auch eine Antwort auf die Dominanz des angelsächsisch dominierten Kapitalismus.