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16.11.2012 Fassbinder essen Seele auf

Jedes Milieu hat seine Helden. Bei den Autorenfilmern ist es der zum Genie erhobene Rainer Werner Fassbinder. Weil er so schön anarchistisch war und weil er dem Bürgertum die Maske der Doppelmoral von Gesicht riss, etwa im Film „Angst essen Seele auf“, ein provokatives Rührstück über den alltäglichen Rassismus in Deutschland. Nun deckt ein mutiger Dokumentarfilm (2011) von Viola Shafik das scheinheilige Herrenmenschentum von Fassbinder und seiner Clique auf. Der Film ist eine Sensation. Merkwürdigerweise nimmt die Filmszene Shafiks Enthüllungen nicht zur Kenntnis: Selbst Wikipedia verschweigt sie zur Gänze: sowohl im Eintrag zu Fassbinder als auch zu El Hedi ben Salem, der in „Angst essen Seele auf“ die männliche Hauptrolle spielte. Das Drama geht nämlich um ihn, der auch drei Jahre lang Fassbinders Lebensgefährte war. Ein ungleiches Paar, bei dem der Deutsche bestimmte und der Einwanderer gehorchte. Ihre Beziehung hatte, so Shafik, „einen Unterwerfungsmechanismus", der so ziemlich genau das enthielt, „wogegen Fassbinder in seinem eigenen Film arbeitete“.

Was Shafik herausfindet wäre schon einen Wikipedia Eintrag wert: Fassbinder träumte von einem Familienidyll und lässt zwei Söhne Ben Salems nach Deutschland holen, ganz genderunkorrekt gegen den Willen der Mutter. Als Fassbinder nach drei Jahren Schluss macht, ist der jüngere Sohn bereits zurückgeschickt, aber der ältere bleibt hier. Ohne Papiere kann er jahrelang nicht ausreisen, keiner kümmert sich um ihn. „Die sogenannte Fassbinder-Familie ist keine Familie, sie ist die Hölle: Gewalt, Drogen, Alkohol“, kommentiert 3sat, die als eine der wenigen über Shafiks Film berichten.

3sat weist auf das eigentlich Verblüffende hin: „Fassbinders Clique redet sich im Film um Kopf und Kragen. Das habe sie sehr interessant gefunden, sagt Shafik. "Dass die Figuren sozusagen, die Charaktere, die in meinem Film vorkommen, tatsächlich alle noch so denken, wie sie damals gedacht haben. Dass sie unberührt scheinen von dem allgemeinen Diskurs und von der Scheu in Deutschland, mittlerweile seine Ausländerfeindlichkeit offen zu zeigen. Es ist ja auch genau diese Idee, ob wir unsere Ausländerfeindlichkeit losgeworden sind oder ob wir einfach nur besser gelernt haben sie zu vertuschen." Die Clique versteckt sie jedenfalls nicht in diesem Film, wo Äußerungen wie: „Die Kinder mussten erst zweimal in die Badewanne gesteckt werden, bevor man sie unter Menschen lassen konnte“, oder: „Die Kinder haben ja in die Ecken gepisst, die mussten ja erst einmal lernen wie man eine Toilette benutzt“, noch harmlos sind.