StartseiteVitaDer AutorDer JournalistP+K-KolumneCicero-RankingINSMKontaktImpressum

>> Home 

27.10.2008 Charitainment oder: die ganze Welt retten

Mit Live Earth hat sich Al Gore endgültig vom politischen Verlierer zur moralischen Autorität entwickelt, meint Isolde Charim im Standard vom 6. Juli. „Al Gores Triumph ist aber auch Zeichen dafür, dass Charitainment der Politik zunehmend den Rang abläuft.“


Rockkonzerte für die gute Sache haben mittlerweile das, was Rock 'n' Roll eigentlich nie haben wollte: Tradition. Nach Bob Geldofs Live Aid und Live 8 nun also Live Earth. Da die Dramaturgie der Superlative nach ständiger Steigerung verlangt, ist Live Earth noch weltweiter, noch benefiziger und vor allem noch bedeutsamer als seine Vorgänger - es will nicht nur Afrika, es will die ganze Welt retten.
Al Gores Geschichte hat die Dramaturgie eines Hollywoodmärchens. Am Anfang war ein ungelenkes hässliches Entlein, das im Präsidentschafts-wahlkampf 2000 am hauchdünnen, stets angezweifelten Vorsprung von Bush scheiterte. Vorbedingung für die nächste Etappe war Al Gores Akzeptieren der Niederlage. Statt die Rolle des Märtyrers zu übernehmen und seinen "gestohlenen Sieg" zu beklagen, hat Al Gore sich zurückgezogen und in schöner US-Manier "hart an sich gearbeitet".

„Dort, in der "Abgeschiedenheit", die nicht so sehr eine räumliche, wie eine zeitliche war - eine Phase der Läuterung - fand er zurück zu seiner "Quelle", seinen ehemals unterdrückten Leidenschaften für den Klimaschutz. Damit sprengte er das Korsett der Realpolitik geradezu physisch. Schien er vorher vor allem von Zwängen bestimmt, so repräsentiert er in seinem nunmehrigen beachtlichen Körperumfang das Bekenntnis zu seiner wieder gefundenen Leidenschaft. Erst das Überwinden seines Scheiterns durch die Rückkehr zu seinen "wahren", inneren Kräften lässt ihn heute als strahlenden Helden erscheinen.

Um komplett zu sein, muss diese Geschichte noch um eine weitere Facette erweitert werden: den kontrapunktischen Gegenspieler. Heute ist es der ehemals flotte George W. Bush, der alt aussieht: Statt die Nation zu einen, hat er sie in das Irak-Desaster manövriert. Je mehr Bushs Stern sinkt, umso deutlicher erinnert Al Gore an das, was in den letzten sechs Jahren nicht hätte geschehen können. Er ist nicht Träger seiner Niederlage, sondern Symbol "für das, was hätte sein können", wie der New Yorker schrieb.

Bot Bush eine Politik als Armageddon, als Entscheidungsschlacht zwischen Gut und Böse im Militärischen an, so ist Gores Inszenierung spiritueller: Er verzichtet größtenteils auf das Urbild des „absolut Bösen“ in Form von klimakillenden Großkonzernen, Milliardären und Ferrarifahrern (zu den Reichen gehört Gore ja selber), die sich als wunderbar entlastende Sündenböcke eignen und setzt dafür auf die frohe Botschaft des uramerikanischen „Just do it“ mit geschickt davor gespannter Schuld, Bewusstwerdung/ Läuterung und Wiedergutmachung. Charim: „Der Klimaschutz ist hierfür besonders passend, bietet er doch den Vorteil, jeden Einzelnen auf dreifache Weise anzurufen: als tätiges Subjekt, denn "es gibt Dinge, die jeder tun kann", als von der drohenden selbst verschuldeten Apokalypse moralisch bewegtes Individuum und als Publikum, das das Spektakel konsumiert. Ein Spektakel mit moralischem Mehrwert, bei dem Politik in ein Woodstock-Gefühl eingeschrieben wird: Es bietet die Weltverbesserung gleichzeitig als unmittelbaren Vollzug eines Coming-together und als Versprechen für die Zukunft.“